Berichtsvorlage - M/16/0711-01
Grunddaten
- Betreff:
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1) Neue Publikation der Gedenkhalle: Iwan Tkatsch alias Alex Boiko. Erinnerungen eines ukrainischen Zwangsarbeiters2) Einlegung einer Gedenktafel für Zwangsarbeiter der Zeche Osterfeld in das nordöstliche Widerlager der Brücke Malzstraße/Ecke Zur Eremitenklause, Flurstück 816, Flur 25, Gemarkung Osterfeld
- Status:
- öffentlich
- Vorlageart:
- Berichtsvorlage
- Federführung:
- Kunst
- Bearbeitung:
- xxx xxx
- Verantwortung:
- Dr. Vogt
Beratungsfolge
| Status | Datum | Gremium | Beschluss | NA |
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Erledigt
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Kulturausschuss
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Kenntnisnahme
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24.03.2015
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Sachverhalt
Sachdarstellung
1) Neue Publikation der Gedenkhalle: Iwan Tkatsch alias Alex Boiko. Erinnerungen eines ukrainischen Zwangsarbeiters
Die Gedenkhalle greift mit dem 2. Band ihrer neuen Schriftenreihe den Themenschwerpunkt „Zwangsarbeit im Nationalsozialismus 1939-1945“ auf. Damit wird die Dauerausstellung in der Gedenkhalle durch den Erinnerungsbericht eines ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiters um eine persönliche Komponente sinnvoll ergänzt. Darüber hinaus ist diese Publikation, in der auch eine Zusammenfassung auf Russisch enthalten ist, auch ein Beitrag zur Pflege des kulturellen Austauschs mit der Ukraine.
Der Erinnerungsbericht des Ukrainers Iwan Tkatsch aus Kriwoi Rog bietet eine inzwischen seltene Gelegenheit, einen Betroffenen zu Wort kommen zu lassen. Er handelt von seinem Einsatz als Zwangsarbeiter im Ruhrgebiet und dem Deutschen Reich. Beim Überfall auf die Sowjetunion 1941 war er Techniker im Erzbergbau und befand sich zugleich im Studium. Zu Beginn der Besatzung folgte Iwan Tkatsch – wie anfangs recht viele Ukrainer – freiwillig der Anwerbung zur Arbeit im Deutschen Reich. Propagandistische Verheißungen auf ein besseres Leben täuschten jedoch massiv über die tatsächlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der „Ostarbeiter“ in Deutschland hinweg. Wie es Iwan Tkatsch erging, welche Schlüsse er daraus zog und wie sich dies auf sein weiteres Leben bis zu seiner Befreiung bei Kriegsende auswirkte, ist nun in seinen von der Gedenkhalle ins Deutsche übertragenen, kommentierten und mit einem Nachwort versehenen Erinnerungen nachzulesen. Ausführliche Erläuterungen betten dieses wertvolle Dokument verständlich in die Zeitgeschichte ein.
Zum historischen Kontext
Die Ukraine war für das Deutsche Reich wegen ihres Status als „Kornkammer“, ihrer Energierohstoffe und ihrer kriegswichtigen Bergbauprodukte ein besonders lohnendes Ziel. Kriwoi Rog, jene Stadt, in der Iwan Tkatsch 1941 lebte, war wegen ihres Eisenerzes von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Von August 1941 bis Februar 1944 waren Stadt und Region von Kriwoi Rog von der Wehrmacht besetzt, die Stadt gehörte zum Anfang September 1941 gebildeten Reichskommissariat Ukraine.
Schon im Sommer 1941 dachte man an eine Verwendung von ukrainischen Arbeitskräften, wenn auch nur im Lande selbst, wobei man auch von Druck- und Zwangsmitteln ausging. Und auch wenn das Deutsche Reich anfänglich nicht am Einsatz von „Russen“ im Reichsgebiet interessiert war, musste diese Einstellung auf Grund der sich verschlechternden Kriegslage im Osten und wegen des dringenden Bedarfs der deutschen Wirtschaft an Arbeitskräften, die anstelle der zur Wehrmacht eingezogenen deutschen Arbeitskräfte benötigt wurden, korrigiert werden. Ende Oktober wurde allmählich auf den Einsatz von Arbeitskräften auch aus der Sowjetunion umgestellt. So errichtete das Landesarbeitsamt Westfalen in Soest ein Durchgangslager, durch das bis Kriegsende etwa 300.000 Menschen geschleust wurden – darunter sehr wahrscheinlich auch Iwan Tkatsch –, um von dort zur Zwangsarbeit ins Ruhrgebiet weiterverteilt zu werden.
Die Selbstverständlichkeit des faktisch zumeist unmenschlichen Ge- und Verbrauchs von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern überdeckte im Bewusstsein der deutschen Bevölkerung in aller Regel noch Jahrzehnte später die Tatsache, dass es sich um eines der
zahlenmäßig größten Unrechtsgeschehen an Menschen während des Zweiten Weltkriegs handelte. Denn allein im Deutschen Reich waren insgesamt bis zu 13,5 Millionen Menschen, zumeist gegen ihren Willen, zur Zwangsarbeit eingesetzt. Die Zahl derjenigen, die zusätzlich
zu dieser Zahl in ihrem Heimatland Zwangsarbeit für die deutschen Besatzer verrichten musste, ist nicht exakt verifizierbar, umfasste aber ebenfalls einige Millionen Menschen. Sowohl die Größenordnung als auch die Selbstverständlichkeit des Einsatzes von ZwangsarbeiterInnen sind bis heute exzeptionell.
Die neue Publikation wurde am 28. Januar 2015 der Presse vorgestellt, ein Artikel dazu erschien am folgenden Wochenende. Das Buch ist bereits ausführlich rezensiert und von anderen fachwissenschaftlichen Instituten angefragt worden.
2) Einlegung einer Gedenktafel für Zwangsarbeiter der Zeche Osterfeld in das nordöstliche Widerlager der Brücke Malzstraße/ Ecke Zur Eremitenklause, Flurstück 816, Flur 25, Gemarkung Osterfeld
An der oben benannten Stelle soll eine Gedenktafel eingebracht werden, die dauerhaft an die Zwangsarbeiter erinnert, die während der Zeit des Nationalsozialismus für die Zeche Osterfeld hatten tätig sein müssen. Die Einweihung der Gedenktafel soll am 26. März 2015 erfolgen, 70 Jahre nach der Befreiung Osterfelds und der Befreiung der aus ihrer Heimat unfreiwillig verschleppten Zwangsarbeiter aus ihren erzwungenen Tätigkeiten.
Zur Entwicklung des Projekts
Ein Kurs des 12. Jahrgangs der Gesamtschule Osterfeld (GSO) hat sich im 1. Halbjahr des Schuljahrs 2014/2015 der Thematik der Zwangsarbeit für die Zeche Osterfeld angenommen. Der Unterricht zu diesem Thema wurde durch verschiedene Aspekte angereichert. So wurde in der Gedenkhalle, die mit ihrer Dauerausstellung „Zwangsarbeit im Nationalsozialismus“ als Schwerpunktthema gesetzt hat, ein mehrstündiger Workshop zum Thema wahrgenommen. Mit einem Mitglied der KAB St. Joseph Osterfeld-Heide pflegte die GSO einen intensiven Kontakt, der den Kontakt zu Zeitzeugen im Osterfelder Stadtgebiet aufnahm, die sich wiederum für Gespräche bzw. Interviews zur Verfügung stellten. Intensiviert wurden diese Recherchen durch eine dreitägige Exkursion in die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, die sich in ihrer Pädagogik auf das Thema „Zwangsarbeit im KZ“ spezialisiert hat. Durch diese vielen Impulse, Informationen, Diskussionen und Reflexionen eigneten sich die SchülerInnen im Laufe des Halbjahres eine breite Wissensbasis zum Thema an.
Im Verlauf des Schulprojekts wurde gemeinschaftlich die Idee entwickelt, den ehemaligen Zwangsarbeitern der Zeche Osterfeld eine Gedenktafel zu widmen, in der Absicht, an das historische Verbrechen der „Zwangsarbeit als Kriegsbeute“ zu erinnern und sich in der Gegenwart für ein friedliches Miteinander der Menschen und Nationen einzusetzen. Dabei wurden und werden die SchülerInnen wiederum von mehreren Seiten unterstützt. So fördert die Stadtsparkasse Oberhausen über die KAB die Anfertigung einer Gedenkplatte aus Granit, die von einem Steinmetz nach den Vorgaben der beteiligten Akteure hergestellt wird. Der Vertreter der KAB unterstützte durch Schulbesuche und die Gewinnung weiterer Kooperationspartner die Umsetzung. Die Gedenkhalle prüfte die historische Sachlage und stand als Ratgeber zur Verfügung.
Zum historischen Hintergrund
Am 1. September 1939 begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Hinter den vorrückenden Truppen errichteten die Arbeitsämter im besetzten Ausland alsbald ihre Dienststellen, um in Abstimmung mit dem Reichssicherheitshauptamt und in Zusammenarbeit mit der deutschen Wirtschaft ausländische Arbeitskräfte als Freiwillige anzuwerben oder gewaltsam nach Deutschland zu bringen.
Mit den Kriegsgefangenen allein konnte der durch Einberufungen zur Wehrmacht verursachte Mangel an deutschen Arbeitern nicht aufgefangen und der rasant steigende Arbeitskräftebedarf der deutschen Kriegswirtschaft nicht gedeckt werden.
Durch Verordnungen und Vertragsbedingungen in ihren Rechten beschnitten, durch falsche Versprechungen getäuscht, in schlechten Baracken und Lagern bei vielfach ungenügender Ernährung untergebracht und an der Rückkehr in ihre Heimat gehindert, arbeiteten zwischen 1939 und 1945 etwa 13,5 Millionen Frauen und Männer aus allen Teilen Europas, Kriegsgefangene und zivile Arbeiter, im Deutschen Reich. Als „Menschenmaterial“ für die Produktion in der Rüstungsindustrie, der Landwirtschaft, in Versorgungsbetrieben und vielen anderen Einsatzorten oftmals schwer misshandelt, wurden sie zu Zwangsarbeitern der Deutschen. Die meisten von ihnen kamen aus Polen, Weißrussland, Russland und der Ukraine.
Die nationalsozialistische Rassenlehre teilte die Menschen in Gruppen unterschiedlichen gesellschaftlichen Wertes, der auf den ethnischen Voraussetzungen des Einzelnen und auf tradierten deutschen Vorurteilsmustern beruhte. An der Spitze dieser Wertpyramide stand die germanische Rasse und in ihr der "reinrassige" Deutsche, der als "Herrenmensch" bezeichnet wurde. Ihm folgten die Angehörigen der übrigen germanischen Völker, dann der angelsächsischen, romanischen und slawischen Völker und zuletzt die Juden aller Völker. Obwohl sich das Ideal der "Reinrassigkeit" des deutschen Volkes kaum damit vereinbaren ließ, dass Ausländer in großer Zahl in das Reich hereingeholt wurden, überwanden ökonomische Bedürfnisse die ideologischen Widerstände und führten ab dem Kriegsbeginn vor allem in den östlichen besetzten Gebieten zu grausamen Deportationen ins Reich im Interesse des deutschen Wirtschaftslebens.
Dies gilt in gleicher Weise auch für Oberhausen. Für die Stadt sind etwa 100 Lager für Zwangsarbeiter belegt, mehrere Tausend Menschen waren während des Krieges in der Stadt an allen möglichen Arbeitsorten zwangsweise tätig, ob in der Großindustrie, in mittelständischen Betrieben oder in Familien. Am Ende des Krieges befanden sich neben etwa 95.000 Oberhausener EinwohnerInnen weitere 12.000 Zwangsarbeiter in der Stadt, d.h. über 10% der Gesamtbevölkerung, eine nicht zu übersehende Anzahl von Menschen. In manchen Betrieben machte die Anzahl der dort eingesetzten Zwangsarbeiter fast die Hälfte der Belegschaft aus. Viele der Zwangsarbeiter überlebten die Zeit nicht, wie die beiden Grabfelder für Zwangsarbeiter auf dem Westfriedhof deutlich machen, auf dem etwa 1.200 ZwangsarbeiterInnen bestattet sind.
Für die Zeche Osterfeld der GHH ist überliefert, dass das direkt an der Zeche gelegene, streng bewachte Zwangsarbeiterlager für ca. 2.400 Personen ausgelegt war. Zwischenzeitlich muss es jedoch überbelegt gewesen sein, wie überlieferte Zahlen belegen. Den dort untergebrachten und zur Schwerarbeit auf der Zeche zwangsverpflichteten Menschen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen die Zeit ihrer Zwangsarbeit überstehen mussten, soll die neue Gedenktafel gewidmet sein, unabhängig davon, ob sie überlebten oder zu Tode kamen.
