Berichtsvorlage - M/16/5578-01
Grunddaten
- Betreff:
-
Gedenkhalle und Bunkermuseum – Rückblick auf 2019 / Ausblick auf 2020
- Status:
- öffentlich
- Vorlageart:
- Berichtsvorlage
- Federführung:
- Kunst
- Bearbeitung:
- Cigdem Aksoy
- Verantwortung:
- Dr. Vogt
Beratungsfolge
| Status | Datum | Gremium | Beschluss | NA |
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●
Erledigt
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Kulturausschuss
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Kenntnisnahme
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03.06.2020
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Sachverhalt
Sachdarstellung
Die Zahl der Besucher*innen war im Jahr 2019 leicht rückläufig und belief sich auf 7.900 Personen (- 300). Obwohl im Juni 2019 eine umfangreiche Wechselausstellung mit Oberhausen-Bezug (s. unten, „Risse im Stein“) eröffnet worden war, konnte dies die Oberhausener*innen offenkundig nicht zu einem vermehrten Besuch der Gedenkhalle motivieren.
Nachdem die Stadtverwaltung Ende 2018 eine feste Personalstelle im Fachbereich 0-8-30/Gedenkhalle und Bunkermuseum eingerichtet hatte, konnte diese im Juni 2019 durch eine neue wissenschaftlich-pädagogische Mitarbeiterin besetzt werden. Diese Personalstelle war jedoch seit November 2019 wieder unbesetzt, wird aber zum 1. Mai neu besetzt. Folglich fanden in den Zeiten der Vakanz im Frühjahr 2019 und Winter 2019/2020 fast keine Bildungsangebote in der Gedenkhalle statt, da dafür die personellen Ressourcen nicht ausreichten und auch keine Honorarkräfte zur Verfügung standen. Die Zahl der Führungen blieb jedoch im Vergleich zu den Vorjahren weitgehend stabil, aufgrund der vorgenannten Personalproblematik sank jedoch die Zahl der durchgeführten Workshops auf 12 (2018: 20).
Am 18.6.2019 eröffnete die Wechselausstellung „Risse im Stein. Die Trauernde und das Gedenken in Oberhausen“, die bis zum 1.3.2020 gezeigt wurde. In diesem Zeitraum hatte die Gedenkhalle 5.790 Besucher*innen, wobei unklar ist, wie viele davon sich die Dauer- und/oder die Wechselausstellung anschauten. Grund für diese Ausstellung war, dass die Gedenksituation mit der „Trauernden“ schon seit langen Jahren immer wieder kritisiert worden war. Die Ausstellung sollte den aktuellen Wissenstand darstellen, um zu einer besseren Einschätzung der Kritik zu kommen. Vortragsveranstaltungen und Filmabende ergänzten die Ausstellung um weitere inhaltliche Vertiefungen.
In der Wechselausstellung boten zwei Medienstationen dem Publikum die Möglichkeit, sich zum Thema ‚Gedenken in Oberhausen‘ mitzuteilen. Von dieser Möglichkeit machten in Medienstation 1 insgesamt 158, in Medienstation 2 insgesamt 174 Personen Gebrauch, so dass diese Daten nicht für die Gesamtzahl des Publikums und schon gar nicht für die Oberhausener Bürgerschaft als repräsentativ einzuschätzen sind. Aus den dort eingetragenen Auskünften sind dennoch Tendenzen zu entnehmen. In Medienstation 1 wurden die folgenden Aussagen am meisten angeklickt:
1) „Die Trauernde sollte mit einer Informationstafel versehen werden, um das Gedenken besser verstehen zu können“ (53 Zustimmungen)
2) „Dem Gedenken zum Volkstrauertag und Friedenssonntag würde Erneuerung gut tun“ (47 Zustimmungen).
Die Abfrage in Medienstation 2, in der man eine Gedenksituation aus einem Ort in Oberhausen mit einer exemplarischen Gedenkskulptur und einer Opfer-Widmung zusammenstellen konnte, ergab, dass die Gedenkhalle mit großem Abstand als Ort ausgewählt und damit bestätigt wurde (63 Zustimmungen). Bei der Auswahl einer passend erscheinenden Gedenkskulptur kam die „Trauernde“ nur auf Platz 4 von 6 Auswahlmöglichkeiten. Als Gruppen, derer gedacht werden sollte, erzielten die größte Zustimmung: alle Opfer von Rassismus und Totalitarismus (94 Zustimmungen), alle Opfer des Nationalsozialismus, aus welchem Grund auch immer (69 Zustimmungen), alle Opfer des nationalsozialistischen Völkermordes (68 Zustimmungen), alle zivilen Kriegstoten (64 Zustimmungen), alle bis heute Vertriebenen und Geflüchteten weltweit (63 Zustimmungen), alle Opfer unter Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter*innen (60 Zustimmungen) und alle toten Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges (59 Zustimmungen). In der Tendenz der Abfrage wird deutlich, dass sich ein Großteil der Teilnehmenden eine Veränderung der Situation vorstellen kann, auch wenn es Hinweise darauf gibt, dass ein Teil der Teilnehmenden die Beibehaltung der bestehenden Gedenksituation favorisiert.
Die Ausstellung zu dem Künstler Willy Meller, zu seinem künstlerischen Stil und dessen Veränderungen 1933 und wieder 1945 sowie zu der „Trauernden“ hat insgesamt zu einer neuen Grundlage für die Einschätzung der seit 1962 bestehenden Gedenksituation geführt. Ein Ergebnis ist, dass die „Trauernde“ keine angemessene Form des Gedenkens darstellt, da sie erstens der christlichen Ikonografie verpflichtet ist, die jedoch für die Darstellung der jüdischen Opfer unpassend ist, zweitens eine Gedenkform des Ersten Weltkriegs aufgreift, in der Frauen – allein in der Heimat – ihrer Männer an der Front gedachten, und drittens die Inschriftentafel vor der „Trauernden“ mit der Widmung an die Opfer der „Unfreiheit“ nur sprachlich verunklärend der Opfer des NS-Regimes gedenkt.
Ein weiteres Ergebnis ist, dass sich Willy Meller nach 1933 und bis ins Jahr 1945 hinein in den Dienst der NS-Ideologie stellte, indem er diese durch seine Kunstwerke plastisch anschaulich machte. Dafür änderte er seinen künstlerischen Stil und passte sich den typisierenden Idealvorstellungen der Nationalsozialisten an. An herausragenden Orten wie z.B. dem Reichssportfeld in Berlin oder der NS-Ordensburg Vogelsang in der Eifel trug Meller zu den nationalsozialistischen Monumentalbauten entsprechende Skulpturen bei. Biografische Hinweise wie seine Mitgliedschaft in der NSDAP, seine Ernennung zum Professor zu Hitlers 50. Geburtstag und seine Aufnahme in die „Gottbegnadetenliste“ von Kunstschaffenden, die für das NS-Regime bedeutsam waren, machen seine prominente Rolle im NS-Gefüge deutlich. Nach 1945 änderte Meller rasch wieder seinen Stil, vermochte sich aber nicht zu einer kritischen Selbstreflexion seiner Teilhabe am Nationalsozialismus durchzuringen.
Die Gedenkhalle empfiehlt aus diesen Gründen eine umfassende Kommentierung der „Trauernden“, vor allem aber die Einrichtung einer neuen Gedenksituation vor der Gedenkhalle. Diese Einschätzung wird in die Perspektivplanungen der Gedenkhalle zum weiteren Umgang mit der „Trauernden“ einbezogen. Die Auswertung der medialen Bürger*innenbefragung in der Ausstellung wird hier einfließen. Sobald ein neuer Sachstand vorliegt, wird er kommuniziert werden.
Im Jahr 2019 wurde die Restaurierung der Grabsteine der jüdischen Friedhöfe in Holten und Lirich abgeschlossen. 2020 wurden auf dem Westfriedhof noch letzte Schönheitsreparaturen an Grabsteinen vorgenommen. Die in der Schweiz ansässigen Nachfahren des jüdischen Oberhauseners Simon Lichtenstein (1858 – 1915) wurden dabei unterstützt, einen Grabstein für ihren Verwandten aufzustellen, dessen Grab in den 1920er-Jahren vom Friedhof an der Duisburger Straße zum jüdischen Friedhof auf dem Westfriedhof in Lirich umgebettet worden war. Ergänzend wird auf dem Grabstein auch der Opfer des NS-Völkermords in der Familie Lichtenstein gedacht.
Im Dezember 2019 konnte die Gedenkhalle ihre 3. Publikation im Rahmen der eigenen Schriftenreihe publizieren. Der Erinnerungsbericht des Niederländers Andries ter Brugge (geboren 1924), der von Juli 1943 bis Kriegsende am 11. April 1945 in Oberhausen Zwangsarbeit leisten musste und danach noch bis zum Abzug der US-amerikanischen Truppen für diese als Übersetzer tätig war, konnte mit Unterstützung von Herrn ter Brugge selbst und seinem Sohn, einem Historiker, in das Gedächtnis der Stadt eingefügt werden. Damit steht nun außer dem Erinnerungsbericht des Ukrainers Iwan Tkatsch, der eine osteuropäische Perspektive aufzeigt, auch eine westeuropäische Perspektive zur differenzierten Betrachtung des rassistischen Systems der ausbeutenden Zwangsarbeit im Nationalsozialismus zur Verfügung.
Für das Jahr 2020 stehen neben den Gedenkfeiern im Jahreskreis zahleiche Projekte an. Im Anschluss an die Restaurierung von Gräbern auf den jüdischen Friedhöfen unserer Stadt wird eine Broschüre alle jüdischen Friedhöfe darstellen, die es in Oberhausen gab und noch gibt. Die Publikation hat ein Format, das leicht bei Exkursionen zu den jeweiligen Orten mitzuführen ist und schnell über den jeweiligen Friedhof sowie einzelne dort bestattete jüdische Bürger*innen informiert. Die Broschüre wird voraussichtlich im April 2020 im Verlag Karl Maria Laufen Oberhausen erscheinen.
Vom 5.5.20120 bis zum 28.6.2020 wird in der Gedenkhalle die Wechselausstellung „Einige waren Nachbarn. Täterschaft, Mitläufertum und Widerstand“ des United States Holocaust Memorial Museum in Washington DC gezeigt werden. Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Armin Laschet und untersucht die Rolle gewöhnlicher Menschen im Holocaust und die Vielzahl von Motiven und Spannungen, die individuelle Handlungsoptionen beeinflussten. Diese Einflüsse reflektieren Angst, Gleichgültigkeit, Antisemitismus, Karriereangst, Ansehen in der Gemeinschaft, Gruppen- zwang oder Chancen auf materiellen Gewinn. Die Ausstellung zeigt auch Personen, die den Möglichkeiten und Versuchungen, ihre Mitmenschen zu verraten, nicht nachgegeben haben und uns daran erinnern, dass es auch in außergewöhnlichen Zeiten Alternativen zu Kollaboration und Täterschaft gibt. Mit dieser Sonderausstellung wird das seit 2016 umgesetzte Konzept, mit Wechselausstellungen die Gedenkhalle zu verlebendigen, fortgesetzt.
Der Schwerpunkt der Arbeiten des Jahres 2020 wird auf der kommunalen Erinnerungskultur liegen. So wurde der 2017 an die Gedenkhalle übertragene Auftrag, eine Kommentierung des NS-Ehrenmals auf der Emscherinsel vorzubereiten, 2019 aufgenommen und wird in diesem Jahr mit weiteren Recherchen fortgeführt werden. Dazu zählen die Kontaktaufnahme mit dem Sohn des Architekten des NS-Ehrenmals, um möglichst biografische und künstlerische Informationen aus dem Privatnachlass zu erhalten; die Klärung des Verhältnisses des Architekten Hermann Gehrig zum Nationalsozialismus; Recherchen zu Gehrigs Ehrenmalbauten in Ahlen und Hamm; die Klärung des Verhältnisses von Gehrig zu seinen Förderern aus dem politischen, wirtschaftlichen und kirchlichen Milieu ab 1925; die Klärung der Bautätigkeiten Gehrigs nach 1945, insbesondere im sowjetischen Sektor Berlins und für die katholische Kirche im Erzbistum Paderborn. Die Forschungsergebnisse werden abschließend dokumentiert und mit Vorschlägen zum weiteren Vorgehen versehen werden.
Ebenfalls im Kontext der Erinnerungskultur wird eine Untersuchung der Kriegsgräberstätten in Oberhausen vorgenommen werden. Zu Beginn wird eine Bestandsaufnahme aller Kriegsgräberstätten auf Oberhausener Stadtgebiet in Bezug auf deren namentliche Bezeichnung, die Lage in der Stadt, ihren Umfang, die Opfergruppen, das Gründungsdatum und die Veränderung der Anlagen seit Anlegung vorgenommen. Aufgrund der Anzahl der Stätten und der dort bestatteten Menschen wird es sich lediglich um eine exemplarische Erhebung handeln. Zu der/n ausgewählte(n) Kriegsgräberstätte(n) wird deren Geschichte recherchiert. Zudem wird versucht, die erinnerungskulturelle Wahrnehmung durch die städtische Öffentlichkeit bis heute nachzuvollziehen. Im Abgleich der Informationen zu den Bestatteten im Oberhausener Totenbuch von 1967 mit Archivdaten soll geklärt werden, welche von den Bestatteten Oberhausener Bürger*innen waren, welche Mitglied in der NSDAP oder anderen NS-Organisationen wie der SS oder Waffen-SS waren. Sollte das Projekt im Jahr 2020 aufgrund seines Umfangs nicht abgeschlossen werden können, werden sich im Folgejahr weitere Recherchen anschließen.
Nach dem erinnerungskulturellen Missbrauch des Gedenkortes im Ruhrpark Alstaden durch die Partei „Die Rechte“ im Oktober 2019 kam in der Stadt eine strittige Diskussion auf, wie man zukünftig mit dem Gedenkort umgehen solle. Die Gedenkhalle bot an, zu dieser Fragestellung eine Podiumsveranstaltung auszurichten. Diese Veranstaltung ist noch im Planungsstadium, wird aber voraussichtlich noch im 1. Halbjahr 2020 stattfinden.
Die Wechselausstellung „Risse im Stein“ wird noch in diesem Jahr in Form einer Broschüre dokumentiert werden, damit die gehobenen Informationen zukünftig nicht verloren gehen. Die Gedenkhalle wird die Dokumentation der Ausstellung mit zwei fachwissenschaftlichen Textbeiträgen von Experten zum Thema erweitern, die schon im Jahr 2019 in Oberhausen im Auftrag der Gedenkhalle Vorträge zu Willy Meller gehalten haben.
Die Wanderausstellung der Gedenkhalle, „Marlene Dietrich. Die Diva. Ihre Haltung. Und die Nazis“ wurde 2019 in Erfurt, Hadamar, Riesa-Zeithain und Schwalmstadt gezeigt und wird auch 2020 weiter wandern, u.a. nach Saarbrücken.
- Bunkermuseum
Zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 hat das Bunkermuseum 2019 die seit 2011 bestehende Dauerausstellung um neue fotografische Exponate ergänzt, um dem Ort eine neue Attraktivität zu verschaffen. Das Besucherplus des Jahres ist vor allem auf diese Ergänzung und die damit verbundene breite Öffentlichkeitswirkung zurückzuführen. Basis dafür war der Kauf des im doppelten Wortsinn einmaligen Fotoalbums „Schadenstellen im L[uft]S[chutz]-Ort Oberhausen/Rheinland mit Mülheim a.d. Ruhr“ bei einem antiquarischen Buchhändler in London. Die etwa 160 Fotografien sind zwischen 1940 und 1944 in Oberhausen entstanden und zeigen die Situation in den Straßen der Stadt oft in unmittelbarem Anschluss an einem alliierten Luftangriff quasi auf Augenhöhe der Einwohner. Bislang waren nur Fotografien aus alliierten Befliegungen bekannt, die die Schäden lediglich aus großer Höhe zeigten. Das große mediale Echo und die Aufnahme in das Oberhausener Jahrbuch haben zu einer erfreulichen Eigendynamik geführt, die einen erhöhten Besucherandrang zeitigte.
Infolgedessen erhöhte sich die Besucherzahl auf 2.900, ein Anstieg von über 1.000. Auch die Zahl der Führungen stieg auf 18 mit fast 300 Teilnehmenden (2018: 12 Führungen mit 160 Teilnehmenden). Die Zahl der Workshops blieb auf niedrigem Niveau konstant, da das Thema des Luftkriegs kein Bestandteil der schulischen Curricula ist.
Insgesamt ist die Situation im Bunkermuseum trotz des erfreulichen Zuwachses des Jahres 2019 als stabil auf niedrigem Niveau einzuordnen, da das Bunkermuseum nur begrenzte Öffnungszeiten und Finanzmittel hat. Da die vorhandenen Ressourcen des Fachbereichs schwerpunktmäßig in die vordringlichen Aufgaben der Gedenkhalle fließen müssen, wird das Bunkermuseum 2020 außer gelegentlichen Vortrags- oder Kulturveranstaltungen keine größeren Projekte verfolgen können. Eine weitere Entwicklung der Potenziale dieses authentischen Ortes wäre wegen des nach wie vor bestehenden Alleinstellungsmerkmals im Ruhrgebiet sinnvoll und lohnend, aber nur mit einem Plus an personellen und finanziellen Ressourcen realisierbar.
