Berichtsvorlage - M/16/2676-01
Grunddaten
- Betreff:
-
Sachstandsbericht Gedenkhalle Oberhausen
- Status:
- öffentlich
- Vorlageart:
- Berichtsvorlage
- Federführung:
- Kunst
- Bearbeitung:
- Cigdem Aksoy
- Verantwortung:
- Vogt
Beratungsfolge
| Status | Datum | Gremium | Beschluss | NA |
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●
Erledigt
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Kulturausschuss
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Kenntnisnahme
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20.06.2017
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Sachverhalt
Sachdarstellung
Resümee
Im Dezember 2010 wurde die neue Dauerausstellung der Gedenkhalle eröffnet. Konzeptionell war durch einen Oberhausener Beirat und einen wissenschaftlichen Beirat festgelegt worden, dass die neue Dauerausstellung drei Themenbereiche umfassen sollte: die Gründung der Gedenkhalle (im Foyer platziert), die Stadtgeschichte von 1933 bis 1945 sowie das Schwerpunktthema Zwangsarbeit im Nationalsozialismus 1939 bis 1945 (im Hauptraum). Aufgrund der Tatsache, dass der Gedenkhalle nur knapp 200 m² incl. Foyer Präsentationsfläche zur Verfügung stehen, wurde die neue Dauerausstellung räumlich so konzipiert, dass die drei Themenschwerpunkte den Raum ganz einnehmen sollten und zukünftig kein Raum mehr für Wechselausstellungen zur Verfügung stehen würde. In Folge dessen wurden ab 2011 keine Wechselausstellungen mehr gezeigt.
Konnte im Jahr 2011 mit ca. 11.000 Besuchern noch ein zufriedenstellender Besuch der umgebauten Gedenkhalle und ihrer neuen Dauerausstellung festgestellt werden, so machte in den Folgejahren ein stetiger Rückgang der Besucherzahlen darauf aufmerksam, dass allein die Präsentation der Dauerausstellung nicht ausreichen würde, um das Interesse an der Gedenkhalle dauerhaft auf einem stabilen Niveau zu halten. Daraufhin wurde 2013 das Konzept des Fachbeirats insofern überarbeitet, als geprüft wurde, wie in der Zukunft die Gedenkhalle attraktiv und lebendig gehalten werden könne, um als Gedenkstätte zum Nationalsozialismus ihrem Bildungsauftrag gerecht zu werden. Im Ergebnis zeigte sich, dass dieses Problem zwei Hauptaspekte in sich birgt.
1.)
Der erste Aspekt war, zukünftig wieder Wechselausstellungen in der Gedenkhalle zu präsentieren, um die Gedenkhalle inhaltlich zu verlebendigen. Angesichts des knappen dafür zur Verfügung stehenden Raumvolumens musste eine Präsentationsform entwickelt werden, die sowohl räumlich als auch ästhetisch in die Gedenkhalle passte. Dazu wurde zum einen die Museumsberatung des LVR kontaktiert, zum anderen wurde eine Fachjury einberufen, die die Vorschläge von drei geladenen Architektenbüros für ein modulares und transportables Ausstellungssystem prüfte und bewertete. Vorwiegend mit finanzieller Unterstützung des LVR wurde der Vorschlag des Architekturbüros bild-werk, Dortmund, umgesetzt.
Um diese neuen Module einsetzen zu können, wurde Ende 2013 die Marlene Dietrich Collection Berlin angefragt, ob sie eine Ausstellung der Gedenkhalle zu Marlene Dietrichs Haltung zu den Nationalsozialisten und Deutschland nach 1945 unterstützen wolle. Nach der Zusage wurde diese Ausstellung ab 2014 in Eigenproduktion erstellt und im Juni 2016 eröffnet. Die Entscheidung, als kommunale Gedenkstätte eine Ausstellung zu kreieren, die keinen Bezug zur Stadtgeschichte hat, war insofern notwendig, als im Entwicklungszeitraum das Stadtarchiv wegen Umzugs für kein stadthistorisches Thema hätte in ausreichendem Maße genutzt werden können. Daher lag es nahe, den Auftakt zur Präsentation von Wechselausstellungen mit einem besonderen kulturellen Highlight zu verbinden. Die Besucherzahlen des Jahres 2016 zeigen, dass die Zahlen von ca. 7.000 Besuchern im Jahr 2015 auf etwas über 11.000 Besucher hochgingen. Daher wurde die Ausstellung bis zum Januar 2017 verlängert.
Nach dem Ende der ersten Wechselausstellung der Gedenkhalle seit 2010 gingen die Besucherzahlen wieder stark zurück. Dies scheint die Hypothese zu bestätigen, dass nur immer wieder neu eingebrachte Präsentationen die Gedenkhalle attraktiv halten können. Die am 18. Mai 2017 eröffnete Wechselausstellung „Stolpersteine. Es war gleich nebenan“ ist noch zu neu, als dass hier schon ein Schluss gezogen werden könnte. Allerdings blieb der Zuspruch schon bei der Eröffnung und in den ersten Tagen nach der Eröffnung hinter den Zahlen der Marlene-Dietrich-Ausstellung zurück. Hier scheint sich abzuzeichnen, dass Themen, die sich auf die konkrete Stadtgeschichte beziehen, nicht selbstverständlich den Reiz auf das Oberhausener Publikum ausstrahlen wie Präsentationen zu besonderen Personen oder Themen der Zeitgeschichte.
Insofern entsprechen die Erwartungen an eine positive Beeinflussung der Besucherzahlen in der Gedenkhalle durch zusätzliche Wechselausstellungen durchaus der Realität. Sie müssen aber vor dem Hintergrund der in aller Regel komplexen und schwierigen Themen der Gedenkhalle, die mit vielen anderen kulturellen Angeboten in Stadt und Region um Beachtung ringen, relativiert werden.
2.)
Ergänzend zu den Wechselausstellungen wurden und werden im Rahmen des Begleitprogramms und der allgemeinen Bildungsangebote immer wieder neue Angebote in die Öffentlichkeit getragen. Im Rahmen der Marlene-Dietrich-Ausstellung waren besonders gut besucht ein Chanson-Abend (im Gdanska) sowie ein politischer Liederabend (im Theater) zu Marlene Dietrich, während am wenigsten Zuspruch die Lesungen von Emigrantenliteratur (in der Gedenkhalle) fanden. Hier scheint der Trend dahin zu gehen, dass die vom potenziell ansprechbaren Publikum eher konsumtiv eingeschätzten Angebote bessere Aufnahme finden als tendenziell schwerlastige Formate. Dies wird insofern keinen Einfluss auf die zukünftigen Angebote der Gedenkhalle nehmen, als dies nicht zu einer Verflachung des eigentlichen Anliegens führen wird, an der keiner Institution ernsthaft gelegen sein kann, die nicht nur an die jüngeren Generationen Geschichte in Verantwortung vermitteln möchte. Daher wird eine seriöse Mischung aus U- und E-Formaten angeboten werden, um den Kreis der Interessenten möglichst weit zu öffnen.
Ausblick
Um die Gedenkhalle über den aktuellen Zeitraum hinaus attraktiv zu halten, werden auch in Zukunft weitere Ausstellungen und Projekte auf den Weg gebracht. Im September und Oktober 2017 wird in der Gedenkhalle der Comic-Zeichner Nils Oskamp seine Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus präsentieren. Sein Comic – als Schulausgabe gefördert von der Amadeu Antonio Stiftung und dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – geht von seinen eigenen Erfahrungen mit Rechtsextremisten im Dortmund der 1980er-Jahre aus und nimmt auch die Gegenwart in den Blick. „Lesungen“ mit dem Künstler sind ebenso geplant wie Workshops zum Zeichnen von Comics, dazu werden weitere Vorträge zum Thema angeboten werden.
Für 2017 sind danach aus Mangel an zeitlichen und finanziellen Ressourcen keine weiteren Ausstellungsangebote mehr realisierbar.
Das Großprojekt des Jahres 2018 wird die Befassung mit der „Trauernden“ vor der Gedenkhalle sein. Hier geht es zum einen um eine Beschäftigung mit der Biografie des Künstlers Willy Meller sowie um eine angemessene dauerhafte Kommentierung und Kontextualisierung der Skulptur und der sie begleitenden Inschriftentafel.
Da zu den Aufgaben der Gedenkhalle auch gehört, die Stadtgeschichte während der Zeit des Nationalsozialismus zu erforschen und sie der Öffentlichkeit zu erschließen, werden auch in Zukunft wieder Ausarbeitungen in Form von Publikationen stattfinden. Noch für 2017 geplant ist die Herausgabe der Erinnerungen des Niederländers Andries ter Brugge, der von 1943 bis Kriegsende Zwangsarbeit in Oberhausen leisten musste. Die Aufzeichnungen stammen aus dem Jahr 1947 und stellen ein besonderes Zeugnis zur Stadtgeschichte dar.
Im Jahr 2018 wird die Dissertation von Katrin Wülfing zur Auseinandersetzung der Stadtverwaltung Oberhausen mit dem Nationalsozialismus in der Zeit zwischen 1945 und 1989 herausgegeben werden. Im Mittelpunkt der Arbeit wird die sog. „Vergangenheitsbewältigung“ auf kommunaler Ebene stehen. Es wird dabei den Fragen nachgegangen, wie sich die Oberhausener Stadtverwaltung mit dem Nationalsozialismus und der eigenen problematischen Rolle als Verfolgungsinstanz während dieser Zeit auseinandersetzte. Von zentraler Bedeutung für die Studie ist die Verwaltungswirklichkeit, die sich jenseits von Erlassen und Richtlinien abspielte und die Rückschlüsse über Handlungsebenen und -optionen, Mentalitäten und Veränderungen im Verwaltungsalltag zulässt. Mit ca. 600 Seiten Umfang wird es ein wertvolles Standardwerk zur Stadtgeschichte werden.
Wie oben dargestellt und durch diverse Angebote sowie Berichte im Kulturausschuss bereits vorgestellt, hat sich das Tableau der Tätigkeiten der Gedenkhalle in den vergangenen Jahren bei gleichbleibender Personalstärke erheblich ausgeweitet. Da aber auch das Bunkermuseum noch weiter zu entwickeln wäre, sollte dieses immer noch mit seinem Thema Luftkrieg im Zweiten Weltkrieg einzigartige Museum im Ruhrgebiet nicht vernachlässigt werden.
Ergänzend zu den klassischen Angeboten der kommunalen Gedenkstätte zum Nationalsozialismus wurde die Gedenkhalle ab Juni 2015 als federführendes Amt mit der Durchführung des Bundesprogramms „Demokratie leben! Partnerschaften für Demokratie“ beauftragt. Voraussichtlich ab Sommer 2017 wird die Gedenkhalle auch die Federführung im Landesprogramm „NRWeltoffen“, für das erfolgreich ein Antrag gestellt werden konnte, übernehmen. In beiden Programmen sind bzw. werden je eine Koordinations- und Fachstelle eingerichtet, die die Programme zu einem Erfolg für Oberhausen machen sollen.
Insgesamt ist festzustellen, dass die Entwicklung und Ausweitung der Aufgaben der Gedenkhalle eine sorgsame Überprüfung der Personal- und Finanzstruktur des Fachbereichs erfordert. So wäre die Einrichtung einer dauerhaften pädagogischen Stelle in Vollzeit sinnvoll. Aktuell wird die pädagogische Arbeit im Rahmen des von der Landeszentrale für politische Bildung vollumfänglich finanzierten wissenschaftlichen Volontariats geleistet. Dies birgt jedoch den doppelten Nachteil, dass die zeitliche Befristung des Ausbildungsverhältnisses im Rahmen des zweijährigen Volontariats weder eine personelle Kontinuität bietet noch eine fachliche Entwicklung der Bildungsangebote möglich macht. Die finanzielle Grundlage einer solchen dauerhaft eingerichteten Stelle würden die Fördermittel der Landeszentrale für politische Bildung darstellen, die ca. 80% der Personalmittel ausmachten. Da es sich jedoch um eine jährlich neu zu beantragende Summe handelt, die in der Zukunft auch wegfallen kann, ginge die Stadt nicht nur die Verpflichtung ein, die restlichen ca. 20% der Personalmittel zu stellen, sondern sie müsste auch das Risiko eingehen, bei einem Wegfall der Fördermittel in voller Höhe für die Finanzierung einzutreten.
Darüber hinaus wären noch andere ergänzende personelle Unterstützungen der Gedenkhalle notwendig. Zum einen müssten stetig weitere wissenschaftliche Recherchen zur Schließung zahlreicher Desiderate betrieben werden, ebenso wären eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit, die Bestandsverwaltung der Präsenzbibliothek sowie die Ablage der Objekte und Dokumente, die sich im Besitz der Gedenkhalle befinden, zu leisten. Der derzeitige Personalschlüssel lässt es nicht zu, diese Arbeiten kontinuierlich zu betreuen, so dass es zwangsläufig immer wieder zu Engpässen und Defiziten kommen wird.
Neben der Aufgabe der Dokumentation der Zeit des Nationalsozialismus in Oberhausen ist es auch die Aufgabe einer Gedenkstätte zum Nationalsozialismus, das unauslöschbare Unbehagen daran, dass wieder geschehen kann, was schon einmal geschehen ist, zu thematisieren und in die Gegenwart zu überführen. Angesichts des aktuellen gesamteuropäischen Aufkommens von rechtspopulistischen und rechtsextremen Gesinnungen und diese Einstellungen transportierenden Parteien kann auch die Stadt Oberhausen und mit ihr die Gedenkhalle nicht daran vorbei, ihr Aufgabenfeld immer wieder neu zu definieren. Zukünftig wird es auch darum gehen, aus der per se unannehmbaren Geschichte des Nationalsozialismus Schlüsse auch für die Gegenwart zu ziehen, gerade in Bezug auf die Bewahrung der Demokratie und die Anerkennung der Menschenrechte. Soll die Arbeit der Gedenkhalle dauerhaft so vielfältig wie qualitativ hochwertig sein, wie es die Geschichte und die Zeitläufe erfordern, birgt dieser Anspruch die Anregung in sich, die Gedenkhalle zeitnah und dauerhaft weiter zu qualifizieren.
